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Digitalisierung am Beispiel der „Wasser Marsch“-App im Vinschgau


Bisher haben wir uns meist mit der Digitalisierung in der Theorie beschäftigt (noch mehr dazu in einem späteren Artikel). Da die Netscrapers aber nun mal Digital Artisans, also digitale Handwerker sind, die handfeste Ergebnisse zu schätzen wissen, stellen wir euch heute das Projekt „Wasser Marsch“ vor – und nutzen dieses gleich als Möglichkeit, unseren Lesern das MVP-Konzept anschaulich darzulegen:


Das Problem


Der Vinschgau, aus dem auch unser CEO Christian stammt, ist ein kurioses Tal: Zum einen eines der (am Ertrag und Export gemessen) größten Obst- und besonders Apfelanbaugebiete in Europa, zum anderen das wahrscheinlich trockenste bewohnte Tal der Alpen. Wie passt das zusammen?

Ganz einfach, mit einem ausgeklügelten Bewässerungssystem, das die durstigen Bäumchen verlässlich mit Wasser versorgt. Sei es durch die altehrwürdigen Wasserkanäle, die Waale, die auch Wanderern im Urlaub in Südtirol ein Begriff sein dürften, als auch die vielen Beregnungsanlagen mit ihrem charakteristischen Stakkato-Geräusch und der Tendenz, unvorbereitete Spaziergänger gratis zu erfrischen. In den letzten Jahren hat auch die, weitaus ressourcenschonendere, Tropfberegnung viele Anhänger gefunden, bei der das Wasser aus fix montierten Rohren zu den Wurzeln der Bäume tropft.

Welche Methode der Bauer auch anwendet, eines haben sie alle gemein: Sie benötigen Wasser. Viel Wasser. Dies alles mit dem eigenen Gartenschlauch zu stemmen ist logistisch wie wirtschaftlich ein Ding der Unmöglichkeit, weshalb diese Aufgabe das sogenannte Bonifizierungskonsortium übernimmt, indem es die verfügbare gemeinsame Beregnungswassermenge an die Bauern aufteilt und in genau ausgerechneten Zeitabständen den verschiedenen Parzellen zuteilt, die dann bewässert werden können.


Gut für eine Handvoll Blümchen, schlecht für 100+ Hektar Apfelplantagen.


In der Theorie durchaus ein schlüssiges Konzept. Der Beregnungswart teilt das Wasser ein, schaltet zum geplanten Zeitpunkt und für die geplante Dauer die Anlage ein und informiert die Bauern über den jeweiligen Plan. Da gibt (bzw. gab; dazu kommen wir gleich!) es nur ein kleines Problem: Die Mitteilung erfolgt in einigen Ortschaften über eine Kreidetafel, auf der die jeweiligen Zeiten und Schaltungen gelistet werden. Dabei wird aber, aus offensichtlichen Platzgründen, nur der Beginn des gesamten Turnus und die Dauer einer Schaltung notiert. Um zu wissen wann nun effektiv das Wasser auf seinem Feld landet, muss der Bauer nun:

  • persönlich zur Kreidetafel hinfahren, auf Kosten anderweitiger Verpflichtungen
  • wissen, in welchen Schaltungen seine jeweiligen zu bewässernden Felder liegen (nicht jeder Bauer hat ein einziges zusammenhängendes Grundstück)
  • sich den genauen Zeitpunkt der Bewässerung seiner Felder selbst errechnen und hoffen, dass er sich nicht um zu viel vertut
  • zurück zu seinen Feldern fahren und weiterarbeiten

Das ist schon für sich allein Aufwand genug; wenn man bedenkt, dass die Bauern ja noch viele andere Aufgaben wahrzunehmen haben, dass die Kommunikation zwischen Beregnungswart und Bauern sporadisch und oft mehr oder weniger zufällig zustande kommt, und dass das kurzfristige Reagieren auf Probleme oder Änderungen alles über den Haufen wirft, werden die Schwachpunkte des Systems klar.


Keiner blickt durch, alle sind verwirrt, bewässert wird irgendwann.


Die Lösung


Nach einigen Gesprächen mit Vertretern des örtlichen Bonifizierungskonsortiums, um das Problem bzw. die aktuelle Situation besser verstehen zu können, kristallisierte sich für uns heraus, dass die beste Lösung eine Smartphone-App darstellt. Eine App, die zum einen den Bauern die benötigten Informationen übersichtlicher und vor allem immer und überall abrufbar zur Verfügung stellt, und zum anderen dem Beregnungswart eine einfachere Planung der Turnusse und Handhabung anderer Informationen ermöglicht. Die Idee wurde von Christian in seiner Heimatgemeinde Latsch einigen Vertretern des dortigen Bonifizierungskonsortiums präsentiert und mit großem Hallo angenommen. Bald waren genug teilnehmende Bauern für einen Testlauf gefunden und das Pilotprojekt konnte beginnen.


Nachgestellte Momentaufnahme der Projektvorstellung. 😉


Dass eine App die beste Lösung bedeutete, war wie gesagt klar. Die unkomplizierte Bereitstellung auf dem Smartphone hebelte schon einmal das Problem der Erreichbarkeit der Kreidetafel aus. In einer App kann der Bauer von überall auf die Informationen zugreifen, ob er nun gerade zuhause, auf dem Feld oder anderswo ist. Die Vorteile gehen aber noch viel weiter. In der App sollen alle Turnusse erfasst werden, was dem Beregnungswart die umständliche Zettelwirtschaft zur Planung erspart. Des Weiteren sollte die App auch die genauen Zeiten und Dauer der Bewässerung ausrechnen, damit die Bauern dies nicht in mühevoller Handarbeit anhand des Turnusbeginns und der verschiedenen Schaltungen erledigen müssen. Ein Blick auf das Display, und schon ist sofort klar, wann und wie lange das Wasser kommt, ohne Umstände. Kurzum, die perfekte Lösung war gefunden; nun ging es an die Umsetzung!


Herzlich willkommen im 21. Jahrhundert!


MVP als Gebot der Stunde


Wie in einem vorigen Artikel erwähnt, ist die MVP-Vorgehensweise unserer Ansicht nach eine der effizientesten Methoden für die Umsetzung digitaler Lösungen. Als kurze Auffrischung: MVP steht für Minimum Viable Product (dt. etwa: minimal funktionsfähiges Produkt) und bezeichnet die Erstellung eines Prototyps, der soweit stabil ist, dass er erstes funktionales Testen zulässt. Es muss nicht zuerst eine vollwertige Lösung erstellt werden, die dann nicht Verwendbares oder Unnötiges enthält. Jeder Schritt der Entwicklung kann ansatzweise getestet werden und der Nutzer sich eine Meinung bilden. Sinnvolles wird behalten, der Rest verworfen.

Kurz gesagt: Das hier.


In diesem konkreten Fall bedeutet die Vorgehensweise laut MVP also:


Problem/Bedarf erfassen


Siehe oben. Die Bewässerung selbst ist ein Wunderwerk der Obstbautechnik, die Organisation derselben sehr optimierungsbedürftig. Dafür gibt es ja uns!


Passende Plattform wählen, die zum Anwendungsfall passt


In diesem speziellen Fall also eine iOS- und Android-App, die auf so vielen der Smartphones der Bauern wie möglich ohne große Anforderungen an die Hardware (nicht jeder hat ein Samsung-Flaggschiff) funktioniert.


Oberflächenprototyp erstellen


Ein grober Entwurf der Umsetzung wird über einen Oberflächenprototyp realisiert und vorgestellt. Diese erste Oberfläche ist visuell noch nicht hochpoliert und der ganze Fokus liegt auf Usability und Funktionalität. Einfache Planung und Anzeige der Daten, ohne Schnickschnack. Pures “form follows function”.


Anpassen und Erweitern mit Fokus auf Hauptfunktionalität


Anschließend wird dank diverser Zyklen aus Feedback und Anpassung, immer mit dem zu Anfang festgelegten Ziel vor Augen, die App Schritt für Schritt umgesetzt. In stets enger Zusammenarbeit mit den Bauern werden nach und nach weitere benötigte Features hinzugefügt und die Oberfläche auf Hochglanz poliert, denn auch wenn die Funktionalität oberste Priorität hat, soll das Endprodukt schließlich auch optisch vorzeigbar sein und ein intuitives, ansprechendes Interface bieten. Daran wird gefeilt, bis die fertige App entstanden ist und großflächig eingesetzt werden kann.


Wasser marsch!


Die Erstellung ist abgeschlossen und der große Feldtest der App kann beginnen!

Wenn doch nur alles so einfach wäre wie das effiziente Bewässern von riesigen Apfelplantagen.



MVP – Damit‘s a epes Gscheids weart!


Nun einmal Tacheles: Warum also haben wir uns für die Schritt-für-Schritt-Herangehensweise mittels MVP entschieden, anstatt den Bauern einfach für eine lachhafte Unsumme ein fertiges Paket mit allen möglichen Funktionen, Spielereien und flashigen Schlagwörtern anzudrehen? 

Mal davon abgesehen, dass das auch ohne MVP gegen unsere grundlegenden Prinzipien verstoßen würde, bringt diese etappenweise Entwicklung schlicht und ergreifend die besten Ergebnisse. Ein Vorteil ist klar die Schnelligkeit. Von der grundlegenden Idee oder Fragestellung bis zur ersten nutzbaren Version für den Anwender vergeht ein kurzer Zeitraum, erste aufschlussreiche Tests können schon mit wenig Aufwand und Ressourcen durchgeführt werden. Die enge Zusammenarbeit mit dem Nutzer durch konstantes Feedback ermöglicht es, nicht für, sondern zusammen mit dem Nutzer zu entwickeln – damit das Endprodukt genau seinen Wünschen (soweit zweckdienlich) und Anforderungen entspricht. Das Weglassen von unnützen Features spart wiederum allen Beteiligten Zeit, Geld und Nerven. Uns, da wir uns nicht mit der Programmierung von unnötiger Funktionalität aufhalten; dem Nutzer, da er genau das erhält, was er auch braucht, anstatt sich durch einen Urwald an Funktionen durchkämpfen zu müssen. Nicht alles vorauszuplanen, sondern durch eine agile Vorgehensweise schrittweise in jedem Abschnitt die Anforderungen und Bedürfnisse neu zu evaluieren und gegebenenfalls anzupassen, schlägt ebenfalls in die gleiche Kerbe. Im Voraus auf jede Eventualität vorbereitet zu sein ist utopisch, und oft hat sich gezeigt, dass die Erwartungen des Nutzers an die Lösung seines Problems nicht dieselben sind, die am Ende schließlich zum Ziel und somit zur Zufriedenheit führen.


Die mit Abstand einzige Nebenwirkung.


Fazit:


Am Beispiel der „Wasser Marsch“-App hat sich anschaulich gezeigt, dass die MVP-Vorgehensweise prädestiniert für zeit-, kosten- und ressourceneffiziente digitale Lösungen ist. Den Latscher Bauern (und hoffentlich bald vielen weiteren) hilft die App nicht nur ihre Bewässerung, sondern auch die Effizienz ihrer Arbeit und somit ihre Lebensqualität verbessern zu können. Durch die schrittweise Weiterentwicklung und enge Zusammenarbeit wird die App stetig durch neue Funktionalitäten ergänzt – von denen uns anfangs einige noch gar nicht bewusst waren. 

Uns ist es eine Freude und Ehre, zur Digitalisierung im Vinschgau beizutragen, und wir freuen uns auf viele weitere spannende Projekte dieser Art!


Bildquellen: unsplash.com, pexels.com, Screenshots des Autors, privat

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